Ni + La Tourette at Schokoladen

Ni + La Tourette at Schokoladen
Donnerstag | 17. Mai 2018 | 19:00 Uhr


Ni (Dada-Rock/Avant-Noise, Linz)
https://niversum.wordpress.com/
https://nimusic4.bandcamp.com/
https://www.facebook.com/niversum/

La Tourette (Tonia Reeh & Rudi Fischerlehner, Berlin)
http://www.toniareeh.de/
http://www.rudifischerlehner.net/
https://www.facebook.com/latourette.duo/

doors 19:00 – show 20:00
danach DJ Grrrt (Red Wig Records)
presented by Thirsty & Miserable
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Wer alles kennt, geht nach Linz und bestaunt das Quartett im Post-SpaceAge-Zeitalter. Gekleidet wie Devo für Arme in Ganzkörperkondome oder Silberumhänge, ist die Musik ein massloser Witz und von enthemmten Genie: 3 Gitarren und ein Schlagzeug und Titel, die wie Schreibfehler daherkommen: „Welo“, „Weost“ oder „Dedoda“. Ihr 3.Album seit 2009 ist wahnwitzig komplex, kein gerader Takt, Unisonoparts und Kontraparts der Gitarren, kein Bass, Gesang: eher nicht; aber unverständliche Parolen, Drums zwischen Trashmetal, Dada und Prog und alles wie mit Tentakeln performt. Dicht, psychedelisch, „fusionär“ und jederzeit hörbar; kein „um der selbst willen“-Ritt, sondern geschult an Noise, Drone, Math und Space: alles Rock.
Martin Flotzinger (dr), Tobias Hagleitner (git), Gigi Gratt (git), Manu Mitterhuber (git).

Tonia Reeh stand in einem Berliner Club am Mischpult, als sie Rudi Fischerlehner zum ersten Mal Schlagzeug spielen hörte. Damals war noch nicht klar, dass sich ihre musikalischen Wege einmal kreuzen würden. Sie hatte bereits zwei Alben unter ihrem eigenen Namen auf dem Hamburger Label „Clouds Hill“ herausgebracht und prägte durch ihre Projekte wie Monotekktoni (Elektro/Sinnbus) und Masonne (Indie/Noise/Sinnbus) die Berliner Independent-Szene. Sie beeindruckt durch ihr perkussives und expressives Klavier-Spiel und ihre ausdrucksstarke Alt-Stimme, die alle Höhen und Tiefen auslotet. Bereits mit ihren vorherigen Alben erhielt sie europaweit positives Feedback von Presse wie Radio.

Oft wurde Tonia Reehs Stil mit Amanda Palmer (Dresden Dolls), PJ Harvey oder Diamanda Galas verglichen. Da keimte die Idee, einige der Perkussions-Effekte, die Reeh auf ihren Solo Platten eingesetzt hatte, auch live umzusetzen. Rudi Fischerlehners unorthodoxes und sensibles Spiel, das eher im Jazz und in improvisierter Musik verwurzelt ist, beeinflusste den Sound des Duos zunehmend, gab dem rhythmischen Spiel Reehs Akzente und setzte neue. Es entstand ein ganz eigener Groove, beeinflusst von afrikanischen Rhythmen und Hip Hop, nun getragen vom perkussiven Spiel dieser beiden Instrumente, so wird auch live mit einem Tempo und einer Eindringlichkeit gespielt, die spüren lässt, dass nichts mehr zu verlieren ist, nichts ist verboten, alles ist möglich, sogar Ohrwürmer.

La Tourette haben ein einzigartiges Album aufgenommen, das im Mai 2017 auf dem Berliner Label „Solaris Empire“ erscheinen wird. Bei Marco Birkner im H2 Studio wurden Klavier und Schlagzeug live eingespielt. Die oft mehrstimmigen Gesänge nahm Tonia Reeh selbst in ihrem Homestudio auf. Gemixt haben Reeh und Fischerlehner in kreativer Teamarbeit. Das, was sonst heruntergeschluckt, als zu verrückt, zu absurd oder zu schön gelten würde, kann nun im musikalischen Freakroom als La Tourette erklingen.
Der Opener „Entblindung“ (inspiriert von „Der Tod und der Frühling“ von Merce Rodoreda) scheint erst ganz nah, um sich dann in epische Weiten fortzusetzen .„ She wrote a book that made her sick“, heisst es am Anfang des Songs, bevor er von der befreienden und heilenden Wirkung von Kunst erzählt, den Möglichkeiten die Zelte abzubrechen und loszuschwimmen in eine emotional veränderte Zukunft.
Reehs Stimme und Klavierspiel haben ebenso eine Wandlung vollzogen: die tiefen Töne klingen souliger, das Klavier jazziger, wie bei „Cut Up“, als hätte sie sich befreit von den Indie Diktaten der Vergangenheit, aber dennoch eine kindliche Verspieltheit bewahrt. So träumen manche Songs von Gospel Chören (Grime – veredelt durch die Trompete Paul Brodys) und CocoRosie-artigen Feenlandschaften. Sogar Chubby Checker und Elvis schauen vorbei, wie bei „Do you wanna go with me?“. Es kann keine Hüfte ruhig bleiben. Auch beim Song „Killer“ überrascht das Duo mit seiner eigenen Art, Latin Grooves mit Flameno beeinflussten Gesängen zu kombinieren und hier zum ersten Mal auch in spanischer Sprache aberwitzig zu deklamieren, untermalt von der akustischen Gitarre Olaf Rupps.

Beim vorletzten Song „China“ bricht dann doch wieder Reehs Punk Vergangenheit durch die Oberfläche und besticht durch das afrikanisch beeinflusste Spiel des Schlagzeugs und Reehs „Monkeytunes“ am Ende – die Rückkehr zum Tiersein am Ende einer durchorganisierten liebesarmen Gesellschaft. Der Text erzählt die Geschichte eines männlichen Handlungsreisenden, der skrupellos die Not und das Fehlen von gesetzlichem Schutz von Mädchen und Frauen in China für seine sexuellen Perversionen ausnutzt – und macht diesen Mann lächerlich. Die Affen sind die Sieger. Die Menschen nur ein moralisch zerschnittenes Derivat. La Tourettes Musik ist weder Free-Jazz noch Mainstream. Es ist die Feier des Zufalls, die Feier der Architektur.